Der Kärntner Abwehrkampf im Lavanttal

Zeit ohne Bilder: der Abwehrkampf - Die Jahre von 1918 bis 1920 im Lavanttal.

Das Denkmal an den Abwehrkampf am Griffner Berg.

2010 - 90 Jahre liegt die Kärntner Volksabstimmung nun zurück, seit dem Abwehrkampf sind gar schon 92 Jahre ins Land gezogen. Festumzüge und Feierlichkeiten werden organisiert, man singt inbrünstig die Kärntner Landeshymne. Doch Pomp und Elend liegen oft nah beieinander.

Wie nähert man sich heute diesem sensiblen Thema?

Beim Lesen zeitgenössischer einschlägiger Literatur oder Erinnerungsliteratur von Zeitzeugen wird immer wieder der der deutschen Sprache eigenen und vor allem in Kärnten so beliebte Heimatbegriff bemüht. So schreibt etwa Leopold Poppmeier in seinem Buch „Lavanttal in Not! Abwehrkampf 1918 – 1919“, 1970 erschienen: „Das Einfallstor nach Kärnten von Süden her war und bleibt das Lavanttal. Wer Kärnten erobern will, muß zuerst das Lavanttal besitzen. Daran sollen wir immer denken“, schreibt Poppmeier auch von „wahren Heldentaten“, die sich zur Zeit des Abwehrkampfes im Lavanttal zugetragen haben sollen.

64 Gefallene

Seine Memoiren erstrecken sich über knapp 57 Seiten, es folgt ein Verzeichnis der im Abwehrkampf gefallenen Lavanttaler – laut Ludwig Joham sind es „64 gefallene Männer und Frauen aus den Gemeinden des Lavanttales“ – , darüber bei Poppmeier der Hinweis: „Für Kärntens Freiheit und Einheit opferten vom Lavanttal ihr Leben!“. Sinngemäß Ähnliches findet sich auf einem Denkmal auf dem Griffner Berg, in der Nähe des Gasthauses Bierbaumer. Dort steht zu lesen: „Zur Erinnerung an die Abwehrkämpfe 18., 19. und 20. Dezember 1918. – Durch Freiheitskampf und Volksentscheid hat sich das Kärntner Volk befreit.“

Wertfrei bleiben

Der eigenständig denkende Mensch unserer Gegenwart muss sich darüber im Klaren sein, aus welcher Zeit solche Denkmale stammen. Was heute bleibt, ist, sich für die Geschichte unserer Region zu interessieren, dabei wertfrei zu bleiben und Fakten festzuhalten, um gegebenenfalls auch daraus zu lernen, Weitblick zu entwickeln, einmal über den Horizont zu schauen und diesem sensiblen Thema und all seinen Facetten mit Respekt zu begegnen.

Der Zerfall

Nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918, in dem das alte Habsburgerreich in seine Einzelteile zerfiel, versuchten verschiedene Volksgruppen, ihr eigenes Territorium zu retten und es darüber hinaus auszuweiten. So wurde auch das Lavanttal, zu dem man damals noch Unterdrauburg zählte, von slowenischen beziehungsweise jugoslawischen Gruppen besetzt. Es begann in Unterdrauburg, Lavamünd und St. Paul am 3. Dezember 1918, wo die Verwaltung Jugoslawien übertragen wurde. Ludwig Joham schreibt in seinem Buch „Das Lavanttal“ im Kapitel „Im Kampf um die Heimat“ vor allem von „Namen wie Leopold Poppmeier, Hans Höchl, Ferdinand Tangl, Fritz Kronegger, Gregor Klösch, Alois Polli und Gustav Kunauer“, die sich als heimische Reserveoffiziere dazu entschlossen, die Jugoslawen „aus dem Lavanttal zu vertreiben“. Nach den Weihnachtsfeiertagen, am 27. Dezember 1918, wurde St. Paul „befreit“, wie Joham es nennt. Es folgte Lavamünd, doch vor Unterdrauburg wurde man gestoppt, wenngleich Ludwig Joham von einer „damals durchaus mögliche[n] Befreiung“ schreibt.

Lavanttaler Front

Poppmeier BuchcoverIm Lavanttal wurde eine Frontlinie installiert, nach einigen Zwischenfällen sprach man Anfang Mai 1919 von einer jugoslawischen Niederlage in Kärnten. Dennoch kam es Ende des Monats Mai zu einem Vorstoß der 4. serbischen Armee, hauptsächlich im Lavanttal, da man Kärnten – so Joham – von Osten her erobern wollte, also über das Lavanttal: „Doch schon nach ein paar Tagen kamen beruhigende Nachrichten.“ Am 3. Juni 1919 wurde St. Paul erneut besetzt, man drang bis St. Andrä vor. Joham: „Ende Juli 1919 zogen die Jugoslawen wieder aus dem Lavanttal ab.“

99 Prozent

Lavamünd war entsprechend dem Friedensvertrag von St. Germain aus dem Jahr 1919 durch die Abtrennung des Gebietes von Unterdrauburg und des Mießtales nun an die Landes- und Staatsgrenze gerückt. Und „stimmte als einzige Abstimmungsgemeinde im Lavanttal am 10. Oktober 1920 mit fast 99 Prozent für den Verbleib bei Österreich und veränderte durch ihre Stimmenanzahl den Prozentsatz für Kärnten bedeutend.“
Übrigens: Die Demarkationslinie der Abstimmungszone verlief südlich von Granitztal, Legerbuch und Ettendorf, die Grenzforderungen jedoch reichten bis zur Nordgrenze des Gerichtsbezirkes St. Paul.

Gemeindewappen

Lavamünd als Abstimmungsgemeinde hat diese Begebenheit in seinem Gemeindewappen festgehalten, das aus dem Jahr 1963 stammt. Darauf befindet sich eine stilisierte Darstellung der Volksabstimmung: Die Wahlurne in verwechselten Farben mit dem grünen Stimmzettel (als Bekenntnis für Österreich, während der Stimmzettel für Jugoslawien weiß war) soll daran erinnern, dass Lavamünd bei diesem für die Landeseinheit Kärntens bedeutenden demokratischen Akt am 10. Oktober 1920 nach Pustritz mit 96,9 Prozent das beste Ergebnis für Österreich erbrachte. Die silbernen Wellenlinien auf blauem Grund stehen für die Flüsse Lavant und Drau, die sich in Lavamünd treffen.

Nicht bebildert

Das Lavamünder Gemeindewappen bleibt neben den Eindrücken des Abwehrkampf-Denkmals am Griffner Berg die einzige heute verfügbare Bildquelle zu dieser Zeit im Lavanttal, wie auch Dr. Wilhelm Wadl als Leiter des Kärntner Landesarchivs bestätigt: „Von einigen Abschnitten des Abwehrkampfes besitzen wir interessantes Bildmaterial, aus dem Lavanttal nicht ein einziges Bild. Auch in der zeitgenössischen Erinnerungsliteratur fällt auf, dass diese, sobald es um das Lavanttal geht, nicht bebildert ist.“
Die Jahre 1918 bis 1920 im Lavanttal: vielleicht nicht umsonst eine Zeit ohne Bilder, von der es gilt, sich heute sein eigenes zu machen.

2010 (de) 5 für die WZ